
In diesem Interview haben wir mit unserer Expertin für Arbeitssicherheit im Büro, Sicherheitsfachkraft und systematische Beraterin, Anja Riederer gesprochen. Sie hat bereits einige Sicherheitsbeauftragte (SiBe) ausgebildet und begleitet Führungskräfte einfach und schnell im Arbeitsschutz. Sie unterstützt beim Aufbau der Arbeitsschutzorganisation und bedient sich den Grundelementen des Arbeitsschutzmanagementsystems.
Frage: Liebe Anja, schlägt man die Arbeitssicherheitgesetze, Sozialgesetzbücher und co auf, so wird man mit Regeln, Vorschriften überlaufen. Führungskräfte berichten davon, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und überfordert sind. Was rätst du ihnen?
Eine Grundqualifizierung sollte auch bei den Führungskräften erfolgen. Die Basics sollten schon klar sein: Was ist meine Rolle als Führungskraft? Welche Verantwortung trage ich? Wie wende ich die Gesetzespyramide im Arbeitsschutz an? Wer die Basics gut erklärt bekommt, hat im Alltag viel gewonnen und kommt schneller an sein Ziel.
Also konkret meine ich damit: Es muss klar sein, dass die Verantwortung zur Umsetzung des Arbeitsschutzes bei der Führungskraft liegt. Ich persönlich mag Onboarding-Prozesse für Führungskräfte durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit (SiFa). Im ersten Gespräch kann locker abgeklopft werden, welche Kenntnisse sind bereits vorhanden und wo benötigt die Führungskraft noch Unterstützung. Es ist super hilfreich, wenn die Hürde zur Sifa durch ein persönliches Kennenlernen genommen wird. Führungskräfte haben oft den Eindruck, dass sie alles können müssen und trauen sich daher oft nicht, Unkenntnisse offenzulegen. Wenn die Sifa es schafft, Vertrauen aufzubauen und niederschweflig Zugang zu den gesetzlichen Anforderungen im Arbeitsschutz zu schaffen, ist die halbe Miete schon bezahlt.
Frage: Was wäre der erste Schritt?
Ich verwende gerne das Bild der Arbeitsschutz-Uhr oder Arbeitsschutz-Kompass. Hierbei werden zentrale Elemente des Arbeitsschutzmanagementsystems in Form einer Uhr oder Kompass aufgezeigt: Auf 12:00 Uhr befindet sich die Gefährdungsbeurteilung (GBU), also die Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Auf 15:00 Uhr folgt die Betriebsanweisung (BA) – also die Verschriftlichung der Prozesse und Vorgehensweisen unter Berücksichtigung der GBU, auf 18:00 Uhr die Unterweisung (UW), auf 21:00 Uhr die Wirksamkeitskontrolle (WK) und in der Mitte befindet sich das Ereignismanagement (EM). Gestartet wieder immer mit der GBU. Anschließend werden die einzelnen Elemente im Uhrzeigersinn abgearbeitet. Kommt es zu einem Ereignis, müssen alle Elemente der Arbeitsschutz-Uhr überprüft und aktualisiert werden.

Frage: Hast du 1-2 Tipps für die einzeln Punkte in der Arbeitssicherheitsuhr?
Ja, hab’ ich. Aus meiner Erfahrung versteht das grundlegende Verständnis des Zusammenhangs der einzelnen Elemente. Schnell ist man dabei, den Mitarbeitenden Unterweisungen zuzuteilen. Frei nach dem Gießkannenprinzip werden unterschiedliche Unterweisungsthemen den Mitarbeitenden zugewiesen. Bevor ich jedoch weiß, welche Inhalte ich meinen Mitarbeitenden unterweise, muss ich eine Gefährdungsbeurteilung erstellen – je nach Tätigkeit und Arbeitsplatz. Die Arbeitsschutz-Uhr verdeutlicht dieses Prinzip der Reihenfolge der Elemente: Erst die GBU, dann die Unterweisung. Zwischengelagert noch die Betriebsanweisung. Aber Unterweisungen durchzuführen, bevor ich überhaupt die Tätigkeiten und Arbeitsplätze im Rahmen der Beurteilung der Arbeitsbedingungen (GBU) erfasst habe, macht keinen Sinn.
Frage: Wie viel Zeit nimmt denn die AS-Uhr in Anspruch? Muss eine Führungskraft oder ein Unternehmen das alles alleine stemmen?
Die AS-Uhr zu erläutern ist in wenigen Minuten erfolgt. Wenn es um die konkrete Umsetzung im Unternehmen geht, dann handelt es sich nicht um eine einmalige Aktion. Vielmehr unterliegt der Arbeits- und Gesundheitsschutz dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess: Arbeitsverfahren ändern sich, beispielsweise die Einführung von mobiler Arbeit im Homeoffice oder Desk-Sharing. Oder aber organisatorische Änderungen im Unternehmen sowie gesetzliche Änderungen wie beispielsweise die Änderung im §22 SGB VII: Reform der Sicherheitsbeauftragten mit der Anpassung des Schwellenwertes von 20 auf 50.
Zu Deiner zweiten Frage: Nein. Eine Führungskraft muss das nicht alleine stemmen. Sie hat viele Unterstützer wie zum Beispiel den Sicherheitsbeauftragten, die Fachkraft für Arbeitssicherheit, den Arbeitsmediziner, aber auch die eigenen Mitarbeitenden. Diese sind über die Unfallverhütungsvorschriften zur Mitarbeit verpflichtet. Führungskräfte können Aufgaben delegieren. Die Verantwortung ist jedoch nicht delegierter.
Frage: Wann ist eine externe Unterstützung in der Durchführung sinnvoll?
Wer glaubt, dass er als Unternehmer durch eine externe Unterstützung den Arbeitsschutz loswird, der irrt sich. Ich bevorzuge eher den Weg der Befähigung zur Umsetzung. Wer die Basics verstanden hat und sein eigenes Team gut aufstellt, der spart einiges an Geld. Beispielsweise hatte ich ein Unternehmen beraten, welches über eine externe Fachkraft für Arbeitssicherheit beraten wurde. Der Unternehmer war unzufrieden mit der Leistung der Sifa, konnte aber nicht konkret sagen, woran es lag. Ich wurde gebeten, mir den Arbeitsschutz-Ordner anzusehen und aufzuzeigen, was möglicherweise nicht korrekt ist. Dabei hat sich herausgestellt, dass die externe Sifa einen guten Job gemacht hatte: Begehungen wurden durchgeführt und Protokolle mit Hinweisen zur Mängelbehebung waren vorhanden. Das Problem war, dass sich niemand mehr für diesen Arbeitsschutz-Ordner verantwortlich fühlte.
Wer intern verantwortlich ist – es gibt ja bei kleineren Unternehmen die Möglichkeit zum Unternehmermodell, lernt, worauf es ankommt und kann den Arbeitsschutz eigenverantwortlich umsetzen. Dabei wird natürlich Geld gespart. Die Berufsgenossenschaften und auch die DGUV als Dachverband stellt zahlreiche kostenlose Dokumente und Materialien zur Verfügung, die zur Umsetzung im Betrieb verwendet werden können.
Frage: Worin sollte ich meine Führungskräfte schulen, damit Arbeitssicherheit gelebt wird?
Gute Frage. Tatsächlich in der persönlichen Haltung zum Arbeitsschutz. Wenn ich gesetzliche Anforderungen belächle nach dem Motto „Benötigen wir jetzt etwa einen Leiterbeauftragten im Büro?“ – den es übrigens nicht gibt – dann wird es schwierig, den Mitarbeitenden glaubhaft zu vermitteln, dass das Unternehmen ein Interesse an der Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeitenden hat.
Frage: Die Anzahl der Sicherheitsbeauftragten hat sich in jüngster Zeit geändert. Wann braucht man eine solche Funktion? Warum ist es trotzdem wichtig, dass sich ein Unternehmen eine solche Funktion leistet und etabliert?
Du spielst auf die Änderungen im SGB VII an. Ja, der Schwellenwert zur verpflichtenden Bestellung hat sich von 20 auf 50 erhöht. Und ein Sicherheitsbeauftragter (SiBe) kann für 249 Beschäftige ausreichend sein, wenn keine besonderen Gefährdungen vorliegen. Darüberhinaus kann eine Bestellung unter dem Schwellenwert erforderlich sein, wenn eine besondere Gefährdung vorliegt. D.h., es gibt keine starren Schwellenwerte mehr, sondern der Unternehmern prüft im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung eigenverantwortlich, ob ein SiBe bestellt werden muss oder nicht. Letztendlich geht es ja nicht um die Anzahl der SiBe, sondern um deren Wirksamkeit. Daher ist die zentrale Frage: Wie schaffe ich mehr Wirksamkeit für meine SiBes? Hier helfen beispielsweise Erfahrungsaustausche mit andere SiBes und eine gute Zusammenarbeit mit der Führungskraft.
Frage: Was können die Sicherheitsbeauftragte, die Mitarbeitender und die Führungskräfte beitragen, damit nicht alles an den Führungskräften hängen bleibt?
Aus meiner Sicht fehlt es oftmals an Wertschätzung für die ehrenamtliche Tätigkeit der Mitarbeitenden und SiBes. Die Wertschätzung ist nicht immer mit finanziellen Mitteln verbunden. Es reicht auch mal ein dickes Lob oder ein Daumen hoch und ein gemeinsames Mittagessen.
Frage: Die Kritik kommt oft: Arbeitssicherheit ist komplex. Und nur der Fokus auf Arbeitssicherheit führt dazu, dass wir nicht mehr arbeiten können. Du bist der Beweis dafür, dass Produzieren und der Fokus auf Arbeitssicherheit gelingt. Was sagst du dazu?`
So komplex finde ich Arbeitssicherheit gar nicht. Es braucht ein Verständnis der Basics, wie z.B. mit der AS-Uhr, und dann Personen, die die Prozesse in der Organisation durchführen. Und wer nicht den Fokus auf Arbeitssicherheit legt, der hat tatsächlich mit Ausfällen der Mitarbeitenden zu rechnen oder fehlende Motivation und Leistungsminderung. Unternehmen, die gut im Arbeits- und Gesundheitsschutz aufgestellt sind, gewinnen an Arbeitgeberattraktivität und Loyalität der Mitarbeitenden. Das sind doch zentrale Werte, die Unternehmen schätzen.
Anja Riederer hat uns gezeigt, dass man beim Aufbau einer Arbeitsschutzorganisation keine Angst haben braucht. Ein gutes Onboarding mit einer SiFa und der Führungskraft hilft dabei die Missstände im Arbeitsschutz aufzuräumen. Beschäftigt man sich dann mit den fünf Kernelemente, die besprochen sind in der Arbeitsschutz Uhr, wird relativ schnell klar.





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